< Zurück zur Übersicht

v.l. Ferdinand Herndler, Gerlinde Leitner, Sozial-Landesrat Reinhold Entholzer, Thomas Berghuber

Schuldnerberatung in Oberösterreich zieht Bilanz und zeigt Schwerpunkte für 2016 auf

24. Februar 2016 | 15:53 Autor: Land Oberösterreich Österreich, Oberösterreich

Linz (A) Die Schuldnerberatungen in OÖ führten 2015 insgesamt rund 13.000 persönliche Beratungsgespräche. Etwa 1.600 Privatkonkurse wurden durchgeführt oder nachbetreut, davon wurden 870 Privatkonkursverfahren neu beantragt. Mit über 300 Ratsuchenden wurden präventive „Budgetberatungen“ durchgeführt.

Präventionsveranstaltungen

Prävention von Schuldenproblemen nimmt in beiden Schuldnerberatungseinrichtungen seit vielen Jahren einen hohen Stellenwert ein. Ziel ist Bewusstseins- und Verbraucherbildung zum Umgang mit Geld und den finanziellen Ressourcen sowie eine Überschuldungsvermeidung. Als Zielgruppen werden insbesondere Jugendliche (Schüler/innen und Lehrlinge in Betrieben) und junge Erwachsene angesprochen. Zusätzlich auch Erziehungsberechtigte und Multiplikator/innen (z.B. Lehrkräfte, Trainer/innen) und Erwachsene in besonderen finanziellen Situationen (z.B. Teilnehmer/innen an AMS-Qualifizierungsmaßnahmen).

SCHULDNERHILFE OÖ – Prävention 2015 – Schwerpunkte

  • Im Schuljahr 2014/2015 haben 2.600 junge Menschen den Finanzführerschein absolviert.
  • Mit 232 Gruppen wurden Workshops zum Thema „meine Finanzen“ abgehalten. An diesen haben 3.695 junge Menschen teilgenommen.
  • Als sehr gute Ergänzung zu den Workshops etabliert sich die e-Learningplattform finanzkompetenz.at. 2015 wurde auf die dort angebotenen Kurse 5.718 Mal zugegriffen.
  • An speziellen Workshops für Personen in AMS-Kursen haben ca. 2.000 Personen teilgenommen.

Schwerpunkte 2016 liegen in der Fortführung der Präventionsprojekte sowie am Projekt „Ehrenamtliche Budgetcoaches“.

Ehrenamtliche BUDGETCOACHES

30 ehrenamtliche BUDGETCOACHES sind zurzeit in diesem Projekt tätig. Die Klient/innen profitieren vor allem von der individuellen Betreuung, denn auch wenn durch eine festgelegte Entschuldungsmaßnahme vieles auf Schiene gebracht wurde, steht den betroffenen Schuldner/innen ein langer Weg voller finanzieller Herausforderungen und Hürden bevor.

Die freiwilligen Mitarbeiter/innen sind Ansprechpersonen und unterstützen die Klient/innen in zahlreichen Bereichen, wie bei der Einhaltung der Fixkosten (mit Hilfe von Einnahmen-Ausgaben-Rechnungen), bei der Einhaltung getroffener Sanierungsmaßnahmen (z.B. bei den Ansparungen für einen Zahlungsplan im Privatkonkurs), bei diversen Sparmaßnahmen (z.B. preisbewusstes Einkaufen, Führen eines Haushaltsbuches oder Kündigung nicht notwendiger Verträge) sowie bei Kontakten mit Behörden, Banken und Gläubigern.

Schuldnerberatung OÖ – Prävention 2015 - Schwerpunkte

  • 3.200 Teilnehmer/innen besuchten die knapp 230 Präventions-Veranstaltungen der Schuldnerberatung OÖ und ihrer Experten von „Klartext“.
  • finanzielle-gesundheit.at bietet umfassende Online-Informationen zum Themenbereich „Budgetberatung & Budget-Tools“. Hier finden Ratsuchende Fachinformationen, Tools, Methoden und neue Blickwinkel auf ihre persönliche Finanzsituation.
  • „Mein Haushaltsbuch“ – 2015 ist die 6. Auflage dieser beliebten Broschüre erschienen. Mit finanzieller Unterstützung des Sozialministeriums konnten bisher gesamt 60.000 Stück gedruckt und verteilt werden

Studien zeigen, dass sich die finanzielle Situation auch auf das Wohlbefinden von Menschen auswirkt. Eine stabile Finanzsituation leistet daher einen positiven Beitrag zur psychischen und physischen Gesundheit. Daher ist es der Präventionsabteilung der Schuldnerberatung OÖ ein Anliegen, Initiativen wie die Budgetberatung und Projekte auf die Förderung und den Erhalt der finanziellen Gesundheit in der oberösterreichischen Bevölkerung zu richten.

Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich dem Thema „Paare und Umgang mit Geld“
Geld gilt als eines der Hauptspannungsfelder in einer Beziehung. In diesem Jahr ist das Ziel, die Anzahl der Beratungen für Paare auszubauen. Weitere Workshops in Zusammenarbeit mit Multiplikatoren und Kooperationspartnern sind bereits fixiert.

Forderung erfüllt: Recht auf Girokonto auf Haben-Basis

Auf Basis einer EU-Richtlinie müssen spätestens ab dem Herbst 2016 alle Personen, die legal in der EU ansässig sind, von Banken das Recht bekommen, ein Basis-Girokonto zu eröffnen. Das Recht auf ein Girokonto darf niemandem aufgrund seiner Nationalität, seines Wohnsitzes oder seiner wirtschaftlichen Lage verwehrt werden. Das Girokonto auf Haben-Basis weist keinen Überziehungsrahmen auf, ist jedoch mit grundlegenden Funktionen ausgestattet: Onlinebanking, Bankomatkarte und der Möglichkeit Daueraufträge und Lastschriften zu tätigen. Jene 150.000 Menschen, die derzeit kein Konto in Österreich haben, sind bislang auf Bareinzahlungen angewiesen und am Arbeitsmarkt benachteiligt, da viele Arbeitgeber keine Barauszahlung bei Löhnen und Gehältern berücksichtigen.

Erste Bestrebungen auf Bundesebene: Reform Privatkonkurs

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es den Schuldnerberatungen wichtig, Verhandlungen bezüglich einer Reform des Privatkonkursverfahrens voranzutreiben. "Zur Sanierung von überschuldeten privaten Haushalten braucht es ein schnelles effizientes Schuldenregulierungsverfahren, das auf die Ermöglichung eines wirtschaftlichen Neustarts und nicht auf Bestrafung der Schuldner/innen ausgerichtet ist. Die derzeitige Gesetzeslage erlaubt jedoch nicht allen überschuldeten Personen die Möglichkeit eines mittelfristigen finanziellen Neustarts. Eine Entschuldung muss schneller und mit erreichbaren Quoten möglich sein, hier hinkt Österreich im europäischen Vergleich stark nach!“, sagen Thomas Berghuber und Ferdinand Herndler, Geschäftsführer der beiden staatlich anerkannten Schuldenberatungen in Oberösterreich. „Nur wer rasch entschuldet, entschuldet nachhaltig.“

Seit fast zehn Jahren arbeiten Expert/innen an einer Reform des Insolvenzrechts. Bisher konnten sich die politischen Entscheidungsträger/innen auf Bundesebene jedoch nicht zu einer Umsetzung durchringen. Dabei ist diese dringend notwendig. In keinem anderen europäischen Land mit gerichtlichem Schuldenregulierungsverfahren müssen Überschuldete so lange auf die Restschuldbefreiung warten (7 bis 10 Jahre im Abschöpfungsverfahren). Besonders negativ wirkt sich die derzeitige Regelung auf Menschen aus, die am Existenzminimum leben, beispielsweise Arbeitslose, aber auch Mindestrentner/innen und Alleinerziehende zählen zu den Betroffenen. Für diese Menschen oder Personen mit sehr hohen Schulden - wie viele gescheiterte Unternehmer/innen - ist die 10 %-Mindestquote zuzüglich Verfahrenskosten innerhalb von sieben Jahren kaum erreichbar. Die Folge bei Nichterreichen der Quote: Alle Schulden und Zinsen leben wieder auf. Von allen EU-Staaten haben nur Österreich und Tschechien im Privatkonkurs eine Mindestquote.
Beispiel Deutschland: keine Mindestquote, Laufzeit 6 Jahre bzw. 5 Jahre bei Bezahlung der Verfahrenskosten.

Handlungsbedarf: Entschärfung der Exekutionsordnung
Wurde die Exekutionsordnung einst zur Eintreibung von Geldforderungen bei Zahlungsunwilligen geschaffen, trifft sie heute meist auf Zahlungsunfähige, die letztlich in der Kosten-Zinsen-Spirale hängen bleiben. Beispiel aus dem Beratungsalltag: Aus € 714,12 werden nach 15 Jahren € 14.378,43.
Die Entlastung der Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen als Drittschuldner und die Berücksichtigung des Partners einer Lebensgemeinschaft bei der Berechnung des Existenzminimums wären hier wichtige Schritte.

Handlungsbedarf: Erhöhung des Existenzminimums

Eine wichtige Forderung der Schuldnerberatungen ist die spürbare Erhöhung des pfändungsfreien Existenzminimums von derzeit 882,- auf 1.200,- Euro (bei 14 Gehältern pro Jahr). Die Erhöhung des Existenzminimums würde nicht nur Armut samt deren vielfältigen Folgewirkungen vermeiden, sondern vielfach auch eine seriösere Bonitätsprüfung auf Gläubigerseite bewirken.

Aufbau und Organisation der Schuldnerberatung in OÖ

In Oberösterreich finanziert das Sozialressort des Landes Oberösterreich zwei Einrichtungen, die Schuldnerberatung und Präventionsarbeit leisten: die Schuldnerberatung Oberösterreich und die SCHULDNERHILFE OÖ. Mit Ausnahme von Linz - wo beide Vereine tätig sind – decken die Berater/innen der beiden Vereine unterschiedliche Regionen ab. Während die Mitarbeiter/innen der SCHULDNERHILFE OÖ – teils mit überregionalen Sprechstunden - Klient/innen aus den Bezirken Rohrbach, Perg, Freistadt und Kirchdorf betreuen, übernehmen dies für die Bezirke Vöcklabruck, Ried, Steyr, Wels, Bad Ischl, Braunau, Schärding und Gmunden die Berater/innen der Schuldnerberatung Oberösterreich. Oberösterreich kann heute auf sieben Beratungsstellen (2-mal Linz, Vöcklabruck, Ried, Steyr, Wels und Rohrbach) und sieben regelmäßige Sprechtage (Bad Ischl, Braunau, Schärding, Gmunden, Perg, Freistadt, Kirchdorf) verweisen.

Mit der Integration der Schuldnerberatung in das 1998 beschlossene Oberösterreichische Sozialhilfegesetz wurde die Finanzierung dieser Einrichtungen langfristig sichergestellt. Viel wichtiger ist aber, dass beide dadurch ihre Tätigkeit kostenlos und anonym anbieten können. Die Finanzierung erfolgt seither mit Mitteln des oberösterreichischen Sozialressorts und des Familienministeriums. Das war und ist ein wesentlicher Beitrag zur Entlastung der regionalen Sozialhilfeträger bei der Vermeidung von Armut und der daraus entstehenden Folgekosten.

Schuldenberatung rechnet sich

Jeder Euro, der in die staatlich anerkannten Schuldenberatungen investiert wird, schafft soziale und wirtschaftliche Wirkungen im Gegenwert von 5,3 Euro. Dies wurde im Rahmen einer Social Return on Investment (SROI)-Analyse durch das NPO-Kompetenzzentrum der Wirtschaftsuniversität Wien zum sozialen Mehrwert von Schuldenberatung errechnet. Für Oberösterreich bedeutet das einen Gegenwert von ca. 18,4 Millionen Euro an monetarisierten Wirkungen.

Anerkannte Schuldenberatungen setzen auf Qualität

Die Nachfrage nach Schuldenberatung macht einmal mehr deutlich, wie wichtig professionelle und nachhaltige Beratung für überschuldete Menschen ist.

Seit 2008 führen „staatlich anerkannte Schuldenberatungen“ österreichweit einheitlich ein vom Justizministerium verliehenes Gütezeichen, um sich weithin sichtbar von anderen Anbietern zu unterscheiden. Sie sichern durch ihre professionelle Beratung und die Vertretungsfunktion vor Gericht auch den Zugang zum Privatkonkurs. Zur nachhaltigen Sicherung der Qualität der Beratung wie auch der Organisationsstrukturen wurden 2012 die beiden staatlich anerkannten Schuldenberatungen in OÖ nach dem international anerkannten Qualitätsmanagementsystem ISO 9001:2008 zertifiziert. Dabei werden alle Arbeitsprozesse transparent und jederzeit nachvollziehbar dokumentiert sowie der hohe Qualitätsstandard der Arbeit überprüft und aufgezeichnet. (Gruppenzertifizierung nach ÖNORM EN ISO 9001:2008).

  • Ferdinand Herndler und Sozial-Landesrat Reinhold Entholzer (Fotos: Land OÖ)
    uploads/pics/C124966_Herndler_Entholzer.jpg

Amt der Oberösterreichischen Landesregierung

Landhausplatz 1, 4021 Linz, Österreich
+43 732 7720-0

Details


< Zurück zur Übersicht