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"Der Wandel mischt die Karten in unserer Industrie neu" - VW-Chef Matthias Müller in der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich

07. September 2016 | 14:22 Autor: Raiffeisenbank OÖ Österreich, Oberösterreich

Linz (A) Seit September 2015 ist er Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG: Matthias Müller (63) hat zweifellos einen der derzeit herausforderndsten Managerjobs. Bei einer Veranstaltung der Raiffeisenlandesbank OÖ und der Deutschen Handelskammer in Österreich am 6. September 2016 in Linz sprach der Chef des Weltkonzerns mit über 600.000 Mitarbeitern von einem epochalen Umbruch in der Automobilindustrie. „Die Schlüsselindustrie Auto wird sich in den nächsten zehn Jahren tiefgreifender und schneller verändern als in den vergangenen 100 Jahren. Der Wandel ist da und er fordert uns heraus. Er wird die Karten in unserer Industrie neu mischen“, so Müller. 

VW im größten Veränderungsprozess seiner Geschichte
In den vergangenen zwölf Monaten war der Chef des größten Automobilherstellers Europas mit allerlei heiklen Themen konfrontiert. Darüber hinaus geht es dem dynamischen Konzernlenker aber vor allem um den weiten Blick in die Zukunft, um die Neuausrichtung des Konzerns. Seit Erfindung des ersten Motorwagens vor rund 130 Jahren sei die Autoindustrie nie stehen geblieben und sei eine der innovationsstärksten Branchen überhaupt. Aber wo bisher Evolution vorherrschte, stehe die Branche mit neuen Technologien, neuen Geschäftsmodelle, neuen Wettbewerbern jetzt vor disruptiven Veränderungen. „Darauf gilt es, Antworten zu geben – nicht morgen, sondern jetzt. Um den Wandel mitzugestalten, müssen wir uns verändern“, betonte Müller. „Es bewegt sich was bei Volkswagen. Dieser traditionsreiche Konzern befindet sich im größten Veränderungsprozess seiner Geschichte. Mein Ziel ist es, das Beste aus der alten und der neuen Welt zusammenzubringen.“

Google, Apple, Baidu & Co im Rückspiegel
Die Innovationskraft von Entwicklern und Ingenieuren bilde die Grundlage für den bisherigen Erfolg der Automobilindustrie. Das gelte insbesondere für Deutschland und Österreich, wo die Stärken im Maschinenbau, Engineering und Design weltweit Anerkennung erfahren. Allein exzellente Autos zu bauen, werde aber in der digitalen Welt nicht mehr ausreichen, so Müller. Denn im Rückspiegel der traditionellen Autobauer tauchen neue Mitbewerber auf. Und die kommen aus gänzlich anderen Branchen. Wenn es um die Mobilität der Zukunft geht, mischen mit Google, Apple oder dem chinesischen Konzern Baidu vor allem Internetgrößen kräftig mit.

Fahrt in die Zukunft mit „Together – Strategie 2025“
Fahrzeuge zu entwickeln, zu bauen und zu verkaufen, werde das Herzstück von Volkswagen bleiben. Gleichzeitig fokussiert sich der Volkswagen Konzern aber auf neue Kernkompetenzen wie das autonome Fahren, die Batterietechnologie oder neue Mobilitätsdienstleistungen. Müller: „Wir haben uns auf den Weg gemacht, Volkswagen grundlegend umzugestalten, ihn neu auszurichten. Von einem Hersteller großartiger Fahrzeuge zu einem weltweiten Anbieter nachhaltiger Mobilität. Das ist der Kern von „Together – Strategie 2025“, mit der die Volkswagen Gruppe in die Zukunft fährt.“

Megatrends Digitalisierung, Urbanisierung und Nachhaltigkeit
„Es gilt, die industrielle und die digitale Welt zu verbinden. Das ist vielleicht die Kernaufgabe der kommenden Jahre“, betonte der Volkswagen-Chef. Die „alte Welt“, so Müller, könne dabei viele Stärken einbringen. Ziel von Playern wie Google oder Apple sei es nicht, mit der Entwicklung und dem Verkauf von Autos Geld zu machen. „Sie interessieren sich primär für die Zeit, die Menschen im Auto verbringen und für die Daten, die dabei entstehen.“

Selbstfahrende und emissionsfreie Autos
Müller sieht in der Digitalisierung, der Urbanisierung und der Nachhaltigkeit drei wesentliche Megatrends, die künftig nicht nur Leben und Arbeiten, sondern auch den Wandel in der Branche bestimmen und traditionelle Geschäftsmodelle infrage stellen werden. Autonom fahrende und emissionsfreie Autos würden in wenigen Jahren zum Alltag gehören, zeigte sich der Konzern-Chef überzeugt. Derartige Angebote könnten Studien zufolge im Jahr 2030 bereits etwa 40 Prozent des Gesamtgewinns der Automobilbranche ausmachen.

Beteiligung am Start-up GETT
Mobilitätsdienste liegen ebenfalls weiterhin im Trend. Hier hat sich der Volkswagen Konzern am Start-up GETT beteiligt. GETT sei Teil des neuen markenübergreifenden Geschäftsfeldes „Mobilitätsdienste“ von Volkswagen. Um diesen Teil herum werden neue Angebote entwickelt.

Elektrische Zukunft
„Die Zukunft fährt elektrisch“, sagte der Chef des Automobilkonzerns mit 12 Marken und weltweiter Präsenz. Die Elektromobilität sei der zentrale Baustein zum Erreichen der Klimaziele. Bis 2025 will die Volkswagen Gruppe mehr als 30 neue vollelektrische Fahrzeuge auf den Markt bringen. Jährlich sollen dann zwei bis drei Millionen Elektrofahrzeuge verkauft werden. Damit sich die Elektromobilität schneller durchsetzen kann, braucht es laut Müller ein stimmiges Gesamtkonzept mit entsprechender Infrastruktur und Kaufanreizen.

Saubere Verbrennungsmotoren
Bis es so weit ist, bleiben moderne Verbrennungsmotoren unverzichtbar und werden laut Müller im Jahr 2030 noch rund zwei Drittel des Marktvolumens bei Neufahrzeugen ausmachen. Deshalb werde weiter daran gearbeitet, die Diesel- und Benzinmotoren noch effizienter und umweltschonender zu machen. Müller: „Ab 2017 werden alle Benzinmotoren sukzessive mit einem Ottopartikelfilter ausgestattet. Damit wird der Partikelausstoß um bis zu 90 Prozent gesenkt.“

Krise macht Veränderungen möglich
Müller nützte seinen Vortrag in der Raiffeisenlandesbank OÖ auch zu einer selbstkritischen Bestandsaufnahme, „das gehört zu einem Blick in die Zukunft“. Mit den Softwaremanipulationen bei Dieselmotoren seien Regeln gebrochen und moralische Grenzen überschritten worden. „Wir arbeiten mit ganzer Kraft und Ernsthaftigkeit daran, das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen. Dazu gehört, dass wir das Geschehene restlos aufklären, ohne falsche Rücksichtnahme. Dass wir den betroffenen Kunden weltweit die richtigen Lösungen anbieten. Und vor allem: Dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Lehren für die Zukunft ziehen. Das sind wir unseren Kunden und Mitarbeitern, Aktionären und Geschäftspartnern schuldig. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir mit etwas Abstand sagen können werden: So bitter das alles war, die Krise hat auch Türen geöffnet. Sie hat Veränderungen möglich gemacht, die gut waren für Volkswagen. “

Schaller: Zukunftspotenzial ist bei heimischen Betrieben vorhanden
Die Raiffeisenlandesbank OÖ verfolge die Entwicklungen in der Industrie und vor allem in der wichtigen Automobilbranche ganz genau, sagte Raiffeisenlandesbank OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller in der Diskussionsrunde mit Müller, voestalpine-Chef Wolfgang Eder und Dieter Hundt, Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich. Schaller sieht die Voraussetzungen, dass die österreichischen, aber vor allem auch die oberösterreichischen Unternehmen bei der Transformation in Richtung Zukunft mithalten können, durchaus für gegeben: „Unsere Zulieferbetriebe haben das vorhandene Potenzial in der Vergangenheit perfekt genutzt. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen große Ressourcen in Forschung und Entwicklung gesteckt haben.“ Unterstützung kam dabei unter anderem von der Öffentlichen Hand – vor allem auch, wenn es darum ging, in Krisenzeiten mit flexiblen Arbeitszeitmodellen zu unterstützen. Schaller mahnte aber gleichzeitig: „Damit wir die Erfolge langfristig halten können, müssen die überbordenden bürokratischen Regelungen, mit denen die Wirtschaft aktuell belegt ist, beseitigt werden. Wir müssen der Wirtschaft die Möglichkeit geben, sich wieder freier bewegen zu können. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es in der Dynamik, die bei uns in den letzten 30 Jahren vorhanden war, auch langfristig weiter gehen kann.“

Eder: Als starker Partner Bedürfnisse vorwegnehmen
voestalpine-Generaldirektor Wolfgang Eder sieht die Entwicklungen der Automobilbranche hin zu Mobilitätsanbieter durchaus positiv: „Die Veränderungen werden kommen und für die nächsten Generationen selbstverständlich sein. Das ist auch gut so, denn sie dienen der Sicherheit, der Nachhaltigkeit und führen schlussendlich auch zu einem komfortableren Miteinander.“ Die voestalpine stellt  sich als Zulieferer der Autoindustrie auf die Herausforderungen der Zukunft ein und versucht als starker Partner neue Dinge zu entwickeln und auf Wünsche nicht nur zu reagieren, sondern Bedürfnisse vorwegzunehmen: „Wir arbeiten beispielsweise auf der Materialseite sehr intensiv daran, unseren Partnern in der Automobilindustrie mit neuen Produkten, neuen Spezifikationen, neuen Verfahren und neuen Prozessen neue Wege aufzuzeigen.“ So sei gerade beim Stahl noch viel Entwicklungspotenzial vorhanden. Eder: „Hier sind gerade mal 50 Prozent von den Möglichkeiten in der Entwicklung ausgeschöpft.“

Europa darf Stärken nicht aufgeben
„Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir im globalen Wettbewerb stehen. Vor allem, was die Kostenseite betrifft“, so Eder. Europa sei in der traditionellen Industrie noch immer weltweit führend, diese Stärke dürfe nicht aufgegeben werden. „Aber wir beobachten, wie die Kostenschere im internationalen Vergleich immer weiter auseinandergeht. Das betrifft die Aufbereitung von Rohstoffen und zieht sich über die gesamte Wertschöpfungskette.“

Hundt: Enge Zusammenarbeit als Erfolgskonzept
Dieter Hundt, Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich, sieht den Erfolg der deutschen Autoindustrie in den vergangenen Jahrzehnten nicht zuletzt in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Zulieferern begründet. Dies sei auch angesichts der großen Veränderungen in der Branche weiterhin eine Grundvoraussetzung für den Erfolg in der Zukunft. „Das Auto der Zukunft wird weiterhin ein exzellent hergestelltes und entwickeltes Fahrzeug sein – allerdings kombiniert mit einer weit entwickelten IT. Ich sehe die Entwicklung positiv und für beide Sektoren großes Potenzial“, so Hundt. Den aktuell großen wirtschaftlichen Erfolg von Deutschland führt der Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich auf die Agenda 2010 zurück, die mit Maßnahmen wie Flexibilisierung, Zeitarbeit und leichtere Vergabe von Werkverträgen den Umschwung gebracht hat. „Wir haben damals einen Riesensprung gemacht, von dem wir heute noch leben.“

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